Femi(ni)zid – Der längste Krieg

OBRVienna 2016 (c) Andrea Peller
OBRVienna 2016 (c) Andrea Peller

Am letzten Tag der Kampagne #16D – 16 Tage gegen Gewalt an Frauen und Mädchen wollen wir mit euch über den längsten Krieg in der Geschichte der Menschheit reden – über die Pandemie der Gewalt an Frauen.

Im Zeitraum der Kampagne zwischen dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen (25. November) und dem Internationalen Tag für Menschenrechte (10. Dezember), finden auf der ganzen Welt Aktionen statt und Fraueninitiativen nützen diesen Zeitraum, um auf das Recht auf ein gewaltfreies Leben aufmerksam zu machen.

Der 25. November (#25N) erinnert als Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen an die Ermordung der Schwestern Patria, Minerva und Maria Teresa Mirabal, die an diesem Tag im Jahr 1960 nach monatelanger Verfolgung und Folter vom dominikanischen Geheimdienst brutal ermordet wurden  Seit 1999 ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen von den Vereinten Nationen anerkannt. Der 10. Dezember ist seit 1948 der Internationale Tag für Menschenrechte und bildet den Abschluss der Kampagne.

In diesem Zeitraum haben wir diverse Veranstaltungen besucht, mit vielen Aktivistinnen gesprochen und sehr berührende Interviews geführt. Drei von diesen Gesprächen wollen wir euch heute präsentieren.

Sommerempfang
Maria Rösslhumer, Foto-Credit: Jasmin Holzmann/Volksanwaltschaft

Das erste Interview haben wir mit Frau Mag.a Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF), geführt. Dieser Verein ist ein Netzwerk von 15 autonomen Frauenhäusern in Österreich und wurde im Jahr 1988 als parteiunabhängiger Zusammenschluss der Mitarbeiterinnen autonomer Frauenhäuser in Österreich gegründet. Der Verein fungiert als Träger für die Informationsstelle gegen Gewalt an Frauen, für das europäische Netzwerk WAVE (Women Against Violence Europe) und für die bundesweite Frauenhelpline gegen Männergewalt. Auch das Sensibilisieren und Informieren rund um das Thema häusliche Gewalt an Frauen und Kindern zählt zu ihren Kernaufgaben.

Mit Frau Maria Rösselhumer habe wir über Formen und Ausmaß der Männergewalt an Frauen und Mädchen in Österreich gesprochen und über Kürzungen der Finanzierungen im Bereich Gewaltprävention, die, trotz der Tatsache, dass die Zahl der Gewalttaten gegen Frauen in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen sind, von der österreichischen Regierung im letzten Jahr durchgeführt wurden. Das Ausmaß der Problemlage wird uns bewusst, wenn wir uns die Zahlen ansehen: alle 14 Tage wird in Österreich eine Frau von ihrem (Ex-)Partner ermordet, jede fünfte Frau ist von sexueller Gewalt betroffen. Das bedeutet, dass jeder fünfte Mann gewalttätig wird, so Maria Rösselhumer.

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Aiko / Kazuko Kurosaki (c) Foto-Credit: Andrea Peller

Das zweite Interview haben wir mit Aiko Kazuko Kurosaki geführt. Aiko Kazuko Kurosaki, geboren in Tokio/Japan, lebt und arbeitet in Wien in den Bereichen Tanz, Choreographie und Performancekunst. Bei ihren Solo- und Gruppenarbeiten im In- und Ausland liegen ihre Schwerpunkte auf sozial- und umweltkritischen Projekten sowie auf spezifischen, installativen, interaktiven und interventiven Arbeiten im öffentlichen Raum. Seit 2013 hat sie die künstlerische Leitung bei One Billion Rising Vienna inne, seit 2015 ist sie Obfrau des Vereins OBRA.  One Billion Rising  setzt sich als getanzter Protest für ein Ende der Gewalt gegen Frauen* und Mädchen* ein. Die „Milliarde“ errechnet sich aus der statistischen Aussage der UN, dass ein Drittel aller Frauen* und Mädchen* weltweit in ihrem Leben Opfer von Gewalt werden.  Die aktionistische Kampagne One Billion Rising entwickelte sich 2012 aus der V-Day-Bewegung – einer globale Bewegung, die 1998 von der New Yorker Künstlerin Eve Ensler ins Leben gerufen wurde. Seitdem ist der 14. Februar nicht nur Valentinstag, sondern auch V-Day. Das „V“ in V-Day steht für Victory (Sieg), Valentine (Valentinstag) und Vagina. Seit 2013 sind weltweit tausende Aktivist*innen singend und tanzend gegen Gewalt an Frauen* und Mädchen* aktiv. So etwa in Nordamerika, Südafrika, Australien, Deutschland und – Österreich (OBRA).

Unser Interview mit Aiko haben wir bei der „Benefiz für OBRA“ Veranstaltung im Kosmos-Theater aufgenommen. Diese Benefizveranstaltung fand am Welttag gegen die Gewalt an Frauen und zu Beginn der 16 Tage Kampagne gegen Gewalt im Kosmos-Theater statt. Diese wurde unter anderen auch dafür organisiert, um Spenden für OBRA zu sammeln, da dem Verein alle bisherigen Förderungen gänzlich gestrichen wurden. Mit Aiko haben wir darüber gesprochen,  warum wir den Begriff Frau* im Feminismus neudefinieren sollten. Ebenso haben wir die Pandemie der Gewalt an Frauen* und Mädchen* thematisiert.  Auch der Tanz im öffentlichen Raum als Form des Widerstandes war unser Thema. Des Weiteren machte Aiko in unserem Gespräch ersichtlich, dass sowohl physische, sexuelle als auch psychische Gewalt gegen Frauen* und Mädchen* die Folge von struktureller Ungleichheit sind, bei denen wir nicht von Einzelfällen reden dürfen, sondern ein Muster erkennen und die Problematik beim Namen ernennen sollten – es ist Feminizid.

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Ni Una Menos. Foto-Credit: Natalia Hurst

Im dritten und letzten Interview sprechen wir mit Natalia Hurst, einer Aktivistin vom Verein #NiUnaMenos Austria. #NiUnaMenos (“Nicht eine Frau weniger”) ist eine Bewegung, die im Juni 2015 in Argentinien, durch einen Aufruf auf Twitter von Journalisten entstanden ist. Dem Aufruf folgend sind tausende Frauen auf die Straße gegangen und haben gerufen: „Kein Feminizid mehr.“   Die #NiUnaMenos – Bewegung in Argentinien steht für Feminismen in ihrer Vielfalt, die intersektional, unabhängig und transgenerational sind. Sie organisiert viele offene Versammlungen und Massenaufmärsche. Die Frauenbewegung hinterfragt die Formen der Medien, Institutionen und Gewerkschaften und macht ihren Anspruch gegenüber dem Parlament geltend. Diese Frauen vereinigen sich gegen das Patriarchat und gegen die systemische Gewalt. So steht es im Manifest von #NiUnaMenos

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Credit: Natalia Hurst

In Lateinamerika werden circa 12 Frauen pro Tag ermordet. Der Mord an Frauen wegen ihrer Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht, wird als Femi(ni)zid genannt. Dieser wird als letztes Bindeglied einer langen Kette verschiedener Formen der Gewalt gegen Frauen und Mädchen gesehen. Im Manifest von #NiUnaMenos von 2015 steht: „Das Wort Feminizid ist nicht nur eine politische Kategorie, sondern auch ein Wort, das aufzeigt, wie die Gesellschaft die Gewalt gegen Frauen als natürlich darstellt.“ (NUM-Argentinien 2015) Feminizid bedeutet dass die Gewalttaten keine Einzelfälle sind – sie sind die Spitze des Eisbergs struktureller Gewalt gegen Frauen in der Gesellschaft, die, nach  #NiUnaMenos, in der patriarchalischen Kultur ihren Ausgang nimmt. „Die geschlechtsspezifische Gewalt ist kein Naturrecht, sondern wurde durch patriarchale Systeme geschaffen und wir müssen diese Systeme in Frage stellen und über sie reden“, sagt Natalia Hurs.

Mit Natalia haben wir über die Bewegung #NiUnaMenos gesprochen, aber auch darüber warum wir den Begriff „Feminizid“ als eine politische Kategorie benötigen und warum es so wichtig ist, diesen Begriff im politischen und medialen Diskurs zu verwenden.

Die Ausschnitte aus diesen Gesprächen wollen wir mit euch, liebe Zuhörer*innen, teilen.

Wo und Wann kann man uns hören?

Am 10.12.2018 um 19 Uhr auf Radio Agora 105.5 in Kärnten/ Am 11.12.2018 um 20:00 im Frauenradio auf Proton – das freie Radio in Vorarlberg/ Am 21.12.2018 um 19:00 auf Radio Orange 94.0 in Wien

Beitragsbild Credit: OBRVienna 2016 (c) Andrea Peller

Musik:  Tena Clark – Break the Chain/ Bebe – Malo

Zum Nachhören im CBA Archive

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